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1835 - Über die Verbreitung des chromatischen oder Ventilhorns

Über die Verbreitung des chromatischen oder Ventilhorns

(erschienen in der Neuen Zeitschrift für Musik, Leipzig, 1835)

Aufgefordert von mehreren Waldhornisten, will ich es versuchen, die Nachteile der allgemeinen Einführung des Ventilhorns in etwas näher zu erörtern und fordere dabei alle Freunde des Waldhorns auf, mir beizustehen und alle Gegner, mich zu widerlegen. Dass die gute und richtige Anwendung und Behandlung der Stopftöne eine schöne und alleinstehende Eigentümlichkeit des Waldhorns bilden, darüber sind ja wohl alle Vorurteilsfreien und Unbefangenen bereits längst einverstanden. Man kann mir zwar einwenden, dass man ja auf dem Ventilhorn auch stopfen könne und müsse, doch wer jemals darauf achtete, wird bemerkt haben, wie die Handtöne auf dem selben, besonders für den Secundar, fast unleidlich und unmöglich werden. Der schöne, volle Ton des Waldhorns hört auch auf, indem er einen zischenden, unvollkommenen Posaunenton ähnlich wird, was jedem auffallen musste, sobald er Gelegenheit hatte, ein Duett auf einem Ventil- und einen gewöhnlichen Waldhorn zu hören; wobei zugleich dem aufmerksamen unbefangenen Beobachter nicht entgehen konnte, dass durch die allgemeine Einführung des Ventilhorns überhaupt alle schönen Eigentümlichkeiten des Waldhorns aufhören und dasselbe nur noch der Form nach bleiben. Auch der Komponist hat durch die Anwendung des Ventilhorns eine Monotonie mehr zu bekämpfen, indem dasselbe posaunen-und hie und da fagottartig klingen.

Den Zeitgeist kann man leider nicht verkennen an der Einführung dieses Instruments, indem es an Passagen hie und da, aber im allgemeinen nur scheinbar reicher ist; jedoch sind das meistens auch nur Passagen, welche man auf dem Fagott, der Posaune und dem Cello doch bei weitem besser hören wird. Sollen wir denn aber gar kein Instrument behalten, was so eigentlich ganz für den Gesang geschaffen ist? – Bildet denn nur der Reichtum an Passagen die Vortrefflichkeit eines Instruments? – Das Übel der und Deutlichkeit der Passagen des gewöhnlichen Waldhorns, welches jedoch meistens nur an dem Bläser oder dem Komponisten liegt, wird übrigens keineswegs gehoben durch das Ventilhorn, sondern im Gegenteil noch vermehrt und das Horn wird demnach dennoch kein eigentlich gutes Passageninstrument und die selben gewinnen nur noch eine unangenehme Holprigkeit, zufolge der Ventile, welche auf dem gewöhnlichen Horn so leicht zu vermeiden ist; auch ist es unmöglich, das auf- und zuschiebens der Ventile wegen, so rasch und deutlich die Passagen zu machen, wie auf dem gewöhnlichen Waldhorns und eine Masse der selben kann und wird man nie so geläufig und deutlich auf dem Ventilhorn herausbringen, wie auf dem gewöhnlichen.

Der Karlsruher Ventiler (*) hat es gewiss am weitesten auf diesen famosen Instrument gebracht, aber man achte nur auf seine Passagen, seinen jetzigen Ton, und man kann nur bedauern, dass dieser sonst so ausgezeichnete weiteren ist in seiner Befangenheit dem Reiz der Neuheit solche Opfer bringen konnte wie man übrigens das gewöhnliche Waldhorns veredeln und was alles darauf möglich gemacht werden kann, darüber hat mich Heinrich Gugel durch seine Etüden belehrt, welche ich alle, bis auf die in den Kontratönen, vollkommen von ihm hörte, mit Vermeidung aller dem Horn eigentümlichen Schwächen; es dient mir nichts zu wünschen übrig, als dass er Russland nicht früher in seiner vollen Kraft verließ, um allen Waldhornisten eine Richtschnur hinzustellen.

Er war durchaus, wie alle berühmten Waldhornisten, welche ich kennen lernte, gegen das Ventilhorn. Das richtige binden oder schleifen zweier Töne, sobald ein Ventilton dazu erforderlich, auch zweier Ventiltöne, zum Beispiel vom Ventil 1 nach Ventil 2 oder 3 ist ebenfalls unmöglich, wie auch das richtige abstoßen und präzise angeben eines Ventiltones und man wird bei einem solchen (sei er gebunden oder gestoßen) und dem nächst folgenden, stets noch ein Etwas mit anklingen hören, was durch das ein- und zurückschieben der Ventile entstehen muss und demnach gar nicht zu vermeiden ist! Damit sich aber jeder der Herren Ventiler und Nicht-Ventiler überzeugt, dass ich vorurteilsfrei zu Werke ging bei diesen Aufsatze, so bemerke ich noch, dass ich das Ventilhorn gern tolerieren und höre bei Hornquartette, als 4. Horn, (wozu der 1. Hornist überhaupt irgendetwas auf diesem Instrumente blasen solle, begreife ich wahrlich nicht); bei einer Militärmusik würde ich 2 gewöhnliche und ein oder 2 Ventilhörner, bei einer kompletten Horn- und Trompetenmusik, und will man es durchaus auch der Opernmusik einverleiben, etwa 2 gewöhnliche und 2 Ventilhörner nehmen. Den Komponisten aber empfehle ich das Studium des gewöhnlichen Horns noch ganz besonders, denn bis jetzt wird dessen Effekt noch ganz verkannt benutzt; so zum Beispiel zu crassen Sachen in der Oper kann das gewöhnliche Horn durch stark an geblasene gequetschte Stopftöne einen grässlichen „Haarbergan" hervorbringen und ein Accompagnement oder Solo für 4 verschiedene Hörner, so gewählt, dass meistens Stopftöne nötig werden, würde gewiss einen schönen Effekt bewirken. Eine noch bündigere-nähere Erörterung durch Beispiele betätigt, behalte ich mir vor, wenn das Übel der Einführung dieses Instrumentes wirklich allgemein werden sollte und mich jemand widerlegt.

Ludwigslust.  C. Rdt.

*) gemeint ist sicher Christoph Schunke