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Türrschmidt

Johann Türrschmidt


Der am 24. Juni 1725 im böhmischen Leskau (Lestkov) geborene Hornist Johann Türrschmidt trat am 12. April 1752 in die Dienste des Grafen Philipp Karl zu Oettingen-Wallerstein (1722-1766, reg. seit 1745). Mit ihm aufgenommen wurde Joseph Fritsch (um 1725 - nach 1806), mit dem Türrschmidt, wie im 18. Jahrhundert üblich, über lange Jahre hinweg ein festes Duo bildete. Ihr Jahresgehalt wurde auf 216 bzw. 192 Gulden festgesetzt (erst 1764 wurde Fritschs Salär dem seines Kollegen angepasst). Den ab 1754 erhaltenen Hofcassa-Rechnungen zufolge, umfasste die gräfliche Kapelle damals außer diesen beiden Musikern nur zwei weitere eigens besoldete Kräfte, die beiden Violinisten Jakob Janota (1718-1798) und Franz Xaver Pokorny (1729-1794), alle anderen Musiker scheinen zu der Zeit Bediente gewesen zu sein. Mit Türrschmidt, den Gerber später ,, einen der besten Hornisten seiner Zeit“ nannte, am ersten, hohen Horn und Fritsch als „Secundario “ verfügte die Kapelle des Grafen Philipp Karl über ein Homduo mit absoluten Solistenqualitäten, für die Pokomy mehrere Konzerte für ein oder zwei Hörner komponierte, die sich durch eine für damalige Verhältnisse erstaunlich anspruchsvolle Behandlung der Soloinstrumente auszeichnen. Sehr wahrscheinlich entstand auch Leopold Mozarts 1752 datiertes Doppelhornkonzert, dessen einzige Manuskriptquelle in der ehemaligen Hofbibliothek (Universitätsbibliothek Augsburg) erhalten ist, eigens für sie. Pokomys ebenfalls in den 1750er Jahren komponierte Konzerte für zwei Hörner sind die frühesten in der Reihe der am Wallersteiner Hof entstandenen Beispiele dieser in der Folge hier besonders intensiv gepflegten Gattung.

Türrschmidt, dessen jüngerer Bruder Anton später Primhomist in der Hofmusik des Herzogs Albert Kasimir von Sachsen-Teschen (1738-1822) war, scheint zum Zeitpunkt seines Eintritts in die gräflich Wallersteinsche Kapelle bereits verheiratet gewesen zu sein. In den Wallersteiner Pfarrmatrikeln jedenfalls findet sich kein Hinweis auf eine Eheschließung, allerdings sind zwischen 1753 und 1766 die Taufen dreier Söhne und zweier Töchter belegt. Zumindest zwei Söhne traten in die Fußstapfen des Vaters. Der älteste Sohn, Johann Karl Philipp (* 24. Februar 1753), brachte es als Sekundhomist sogar zu europäischem Ruhm. Im Juni 1759 hielten sich Türrschmidt und Fritsch auf Geheiß des Grafen Philipp Karl am württembergischen Hof in Stuttgart und Ludwigsburg auf, wo sie auch in der damals sehr angesehenen Kapelle von Herzog Karl Eugen mitwirkten. Nach Philipp Karls frühem Tod am 14. April 1766 übernahm Gräfin Charlotte Juliane (1728-1791) die Regentschaft für den minderjährigen Erbgrafen Kraft Emst (1748-1802). Zu ihren ersten Amtshandlungen gehörte die Suspendierung der kostspieligen Hofkapelle. Die besten Musiker verließen Wallerstein. Auch Pokomy, der damals vermutlich die Leitung der Hofmusik innehatte, bat um Urlaub „auf 3. bis 4. Jahr“ und diente in der Folge in der Hoikapelle des Fürsten von Thum und Taxis. Türrschmidt und Fritsch taten es ihm gleich und traten mit einem Jahresgehalt von 380 Gulden in Regensburger Dienste. Im Juni 1770 fragte er bei Gräfin Charlotte Juliane an, ob er,, noch dißen Som(m)er “ seinen Wallersteiner „ Dienst anwiederumb antretten sollte", worauf man ihm mitteilte, man werde es ihn wissen lassen, wenn er „ dahier vonnöthen seyn “ werde.

Seit 1770 ist Türrschmidts Sohn und Schüler Karl zusammen mit seinem Duopartner, dem Böhmen Johann Palsa (1752-1792), in Paris belegt. Fürst Henri-Louis-Marie de Rohan-Guemene (1745-1809) nahm sie in seine Kapelle auf. Schon bald gehörten beide zu den gefeierten Homspielem der französischen Metropole. Zwischen 1773 und 1781 sind allein 14 Auftritte im Pariser Concert spirituel nachweisbar.

Doch zurück ins Jahr 1773: Am 3. August wurde Erbgraf Kraft Emst für großjährig erklärt und übernahm die Regierung der Grafschaft Oettingen-Wallerstein, die der Kaiser im Jahr darauf zum Reichsfürstentum erhob. Nahezu zeitgleich mit der Regierungsübernahme begann Kraft Emst mit dem Wiederaufbau der Hofkapelle. Dabei war er bemüht, in stärkerem Maße als früher auch „Berufsmusiker“ für die Kapelle zu verpflichten. Während Fritsch in Regensburg blieb, kehrte Türrschmidt ins Ries zurück. Seine Rückkehr erfolgte nur kurze Zeit nach der Ankunft seines neuen Pultnachbam am zweiten Hom, Johannes Nisle, der sein Engagement am 1. Oktober 1773 mit einem Jahresgehalt von „ 216fl., an Getreid 2 Malter, Holz 6 Klaffter, Wellen 200, Kleidergeld 75 fl., HausZinß 20 fl., tägl. 1 Maas Wein oder statt dessen jährl. 54 fl.“ antrat. Emeut verfugte die Wallersteiner Kapelle über ein vortreffliches Homistenpaar. Schubart bescheinigte Nisle, er habe „ im Secondhorn schwerlich seines Gleichen". Obwohl Türrschmidts Anstellungsdekret nicht erhalten ist, wissen wir aus anderer Quelle, dass sein Wiedereintritt zum 1. November 1773 erfolgte. In einem Dekret des Fürsten Kraft Emst vom 28. Februar 1774 heißt es nämlich: „ dem Waldhornisten Türschmid das nemliche [wie Nisle], nur mit dem Unterschied, daß bey diesem der Gehalt mit dem 1. Nov: [...] des abgewichenen Jahres seinen Anfang genommen. “

Das blühende Musikleben am Oettingen-Wallersteiner Hof fand ein vorläufiges Ende, als Fürst Kraft Emsts junge Gemahlin Marie Therese aus dem Hause Thum und Taxis am 9. März 1776 im Alter von nur 19 Jahren starb. Nach den Trauerfeierlichkeiten suspendierte der Fürst die Hofmusik auf unbestimmte Zeit. Einige Musiker suchten sich anderweitige Engagements, andere - wie Rosetti und Türrschmidt - blieben in Wallerstein. Nisle ging zunächst auf Konzertreisen, bat aber schließlich im Oktober 1777 um seine Entlassung. Erst im Lauf des Jahres 1779 scheint Fürst Kraft Emst sich wieder mit dem früheren Engagement seiner Hofmusik angenommen zu haben. Im Juli dieses Jahres komponierte Rosetti ein Homkonzert „pour Monsieur Dürrschmied“ (Murray C49), dessen autographe Partitur in der ehemaligen Hofbibliothek aufbewahrt wird. Ob er dabei an Johann Türrschmidt oder dessen Sohn Karl dachte, ist umstritten. Ab 1780 erfolgten zahlreiche hochkarätige Neuengagements für die ersten Pulte der Kapelle, darunter auch die böhmischen Hornisten Joseph Nagel (1751/52-1802) und Franz Zwierzina (1751-1825). Nach ihrem Eintritt wechselte der alte Türrschmidt vom ersten Hompult zur Bratsche, wurde aber weiterhin auch auf seinem Hauptinstrument eingesetzt, wenn in groß besetzten Harmoniemusiken oder bei Aufführungen von Homkonzerten ein zusätzliches Horn benötigt wurde.

Um 1780 entwickelte Karl Türrschmidt zusammen mit dem Pariser Instrumentenbauer Joseph Raoux ein spezielles Hornmodell für Solisten, das sog. „cor solo“, das sich rasch durchsetzte. Für Türrschmidt, Palsa und Giovanni Punto baute Raoux 1781 Instrumente dieses Typs aus Silber. Im Oktober 1780 ist ein Konzert des Duos Palsa-Türrschmidt in Leipzig belegt, 1781 ein Soloauftritt von Vater und Sohn Türrschmidt in London, was beweist, dass Johann Türrschmidt als Hornist damals längst noch nicht zum ,alten Eisen’ gehörte. 1783, nach dem Bankrott des Fürsten Rohan-Guemene, traten Palsa und Türrschmidt in die Kapelle des Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel ein. Konzertreisen führten sie u. a. 1783 an den Koblenzer Hof des Trierer Kurfürsten Klemens Wenzeslaus und 1785 nach Berlin. Anfang 1786 absolvierten sie mehrere Auftritte in London, zunächst bei der Anacreontic Society und anschließend in Salomon’s Concert (2., 9., 16., 23. März). Im gleichen Jahr traten sie in die Hofkapelle König Friedrich Wilhelms II. von Preußen ein. Der „Calendrier musical universel“ nennt 1788 und 1789 für Palsa und Türrschmidt auch eine Pariser Adresse: „rue de Varenne, hotel de Monaco“. Nach Palsas Tod übernahm Jean Lebrun in der königlichen Kapelle die Position des Primhornisten. Mit ihm als Duopartner setzte Türrschmidt seine Karriere in Berlin und Potsdam wie auch auf Konzertreisen (belegt sind u. a. Hamburg und Kopenhagen) bis zu seinem Tod am 1. November 1797 fort. Karl Türrschmidt war einer der bedeutendsten Hornisten seiner Zeit. Noch 1806 rühmte ein Kritiker: „Sein Ton war äußerst stark, rein und sicher bis in die löfüßige Tiefe des Contrebasses und seine Fertigkeit in Passagen aller Art und durch alle Töne setzte jeden Kenner in Erstaunen. Wer Palsa und Tür Schmidt gehört hat, kan[ n] keine andere Waldhornisten mit voller Zufriedenheit hören". Der Instrumentenbau verdankt Türrschmidt nicht nur die Verbesserung des Inventionshorns, um 1795 entwickelte er (wahrscheinlich zusammen mit Heinrich Domnich) auch einen speziellen Dämpfer, der das Spiel der „ halben oder gestopften Töne “ (Ledebur) erleichterte. Als Komponist trat Karl Türrschmidt mit Hornduetten hervor, die er zusammen mit Palsa schrieb. Johann Nikolaus Forkel äußerte sich 1783 im Musikalischen Almanach für Deutschland über sie wie folgt: „ Man kann nichts schöneres hören, als die kleinen Duetten, die Hr. Palsa und sein Gesellschafter. Hr. Türrschmiedt auf zwey silbernen Hörnern mit einander blasen, besonders diejenigen, die aus Molltönen gesetzt sind“.

Johann Türrschmidt überlebte seinen berühmten Sohn um fast drei Jahre: Er starb, zuletzt gepflegt von seiner Tochter Theresia, am 7. September 1800 in Wallerstein.

Günther Grünsteudel

(erstmals erschienen im Rosetti-Forum Heft 7, 2006)


Neue Literatur

Günther Grünsteudel: Die Hornisten der Wallersteiner Hofkapelle, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 97 (2004), S. 229-251 • Ders.: Art. „Türrschmidt, Karl“, in: 2MGG, Personenteil, Bd. 16. Kassel 2006 (mit umfassendem Literaturverzeichnis)